Im Rahmen ihrer Seminararbeit an einem Sozialwissenschaftlichen Gymnasium hatte uns die Zwölftklässlerin Marlene folgende Fragen via Instagram zukommen lassen, die wir ihr wie folgt per E-Mail beantworteten:

Marlene: Welche Kriterien waren ausschlaggebend für die Entscheidung, World Vision als Organisation auszuwählen?

M&MFootprints: Uns war es wichtig, eine seriöse, bekannte Organisation auszuwählen, deren Namen wir vorher schon einmal gehört haben. Neben World Vision bieten beispielsweise auch “Plan International” und die “SOS-Kinderdörfer” Patenschaften an (mehr dazu <hier>). Diese drei hatten wir in der engeren Auswahl. Es sollte eine Organisation sein, die das DZI Spendensiegel vorweisen kann, da dieses unseres Erachtens für die Seriosität und Transparenz der Vereinigung spricht. Außerdem wollten wir uns das Herkunftsland des Kindes unbedingt selbst aussuchen – es sollte ein Land in Afrika sein, weil wir von unserer Südafrika-Reise 2015 so verzaubert waren. Da das Land bei den SOS-Kinderdörfern nicht wählbar ist, blieben nur noch “Plan International” und World Vision übrig. Auch die Verteilung der Beiträge war uns sehr wichtig: Für uns soll möglichst viel Geld direkt beim Patenkind ankommen und möglichst wenig Geld in die Verwaltung und Werbung fließen. World Vision und “Plan International” konnten in diesem Bereich ähnliche Werte vorweisen. Schließlich fiel die Wahl dann auf World Vision, den damaligen Platzhirsch in Bezug auf Kinderpatenschaften. Seit Abschluss unserer Patenschaft wurde aber auch “Plan International” immer bekannter.

Zuvor hatten wir monatlich an “Ärzte ohne Grenzen” und Einzelbeiträge an “Unicef” gespendet. Und noch davor hatten wir ein Los der “Aktion Mensch”. Wie unsere Spenden bei diesen drei Organisationen verwendet wurden, wissen wir bis heute nicht. Daher lag es uns am Herzen, dass unsere finanzielle Unterstützung persönlicher wird und wir über Jahre hinweg Fortschritte mitverfolgen können. Daher entschieden wir uns für ein Patenkind, mit dem wir jederzeit auch postalisch oder via E-Mail in Kontakt treten können.

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Marlene: Nach welchen Kriterien werden Kinder in das Patenkindprogramm aufgenommen?

M&MFootprints: World Vision ist in Entwicklungsländern auf der ganzen Welt im Einsatz. Die Mitarbeiter der Organisation suchen sich gezielt “schwächere” Regionen aus, die sie über Jahre hinweg unterstützen und “aufbauen” können. In unserem Fall ist es die Region “Ulaya” im Süden bzw. Südosten Tansanias, in der World Vision von 2014 bis 2029 tätig ist. Der Norden Tansanias ist im Hinblick auf den Tourismus beispielsweise gut erschlossen, dort gibt es zahlreiche Nationalparks (Serengeti, Ngorongoro-Krater, Lake Manyara, Tarangire Nationalpark).  Dadurch dass so viele Menschen im Norden Tansanias im Tourismus arbeiten, sind diese finanziell auch besser aufgestellt. Aus diesem Grund ist World Vision nicht im Norden, sondern eher im finanziell schwächeren Süden aktiv. Südafrika ist beispielsweise das zweitreichste Land Afrikas, daher gibt es dort auch keine Projekte von World Vision. Es geht der Organisation nicht vorrangig darum, einzelne Kinder zu fördern, sondern ganze Regionen und Gemeinden voranzubringen, was die Unterstützung der einzelnen Familien und Kinder mit inkludiert. Ich gehe davon aus, dass dann entsprechend alle Kinder aus der gesamten Projekt-Region ins Programm aufgenommen werden, sofern ihre Eltern damit einverstanden sind. In unserem Online-Account von World Vision wird angezeigt, dass in der Region Ulaya derzeit 2765 Kinder mit Patenschaft und nur 136 Kinder ohne Patenschaft sind. Dahinter befindet sich ein Link mit dem Titel “Jetzt Patenschaft abschließen”. Das Ziel von World Vision wird es bestimmt sein, für alle noch übrigen Kinder ebenfalls Paten zu finden. Da die monatlichen Beträge aller Ulaya-Paten überwiegend in die Gemeinschaft fließen – zum Beispiel in die Bildung oder den Brunnenbau  –, gehe ich davon aus, dass die 136 Kinder ohne Patenschaft derzeit trotzdem von den bereits bestehenden Patenschaften profitieren, wenn auch nur indirekt.

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Marlene: Hattet ihr das Gefühl, dass das Geld nachhaltig und zukunftsorientiert angelegt wurde?

M&MFootprints: Auf dem ersten Foto von Zainabu sah sie noch sehr abgemagert aus und ihr gesundheitlicher Zustand war laut Angaben von World Vision “zufriedenstellend”. Inzwischen sieht sie auf den Bildern “wohlgenährter” aus und sie lächelt endlich mal. Nach Angaben von World Vision ist ihr aktueller Gesundheitszustand inzwischen “gut”. Die Fotos, die wir von ihr in regelmäßigen Abständen erhalten, zeigen uns, dass es ihr immer besser geht und dass unsere Patenschaft Früchte trägt.

Es gibt den Spruch von Konfuzius:  “Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.”

Wir haben den Eindruck, dass World Vision die Familien bzw. Patenkinder nicht nur über Jahre hinweg mit Fischen füttert, sondern ihnen im übertragenen Sinn das Angeln beibringt. Das Ziel ist es, dass sich World Vision im Jahr 2029 aus Ulaya zurückzieht und dass die Menschen bis dahin lernen, sich selbst zu versorgen. Bildung und Gesundheit sind das A und O für das Vorankommen.

Aus den bisherigen Jahresberichten zu Ulaya gehen beispielsweise folgende Fortschritte hervor:

  • Unser Patenkind geht zur Schule. In den Fächern, die ihr schwerfallen, bekommt sie zusätzlich Nachhilfe. Es wurden extra Lesecamps veranstaltet, um die Lesekompetenz der Kinder zu erhöhen. “Die Qualität des Unterrichts hat sich auch dank der Fortbildung von 21 Lehrerinnen und Lehrern verbessert. Lesen lernen können nun auch 142 Kinder nach Schulschluss in sechs Leseklubs, die von 14 Freiwilligen geleitet werden. Außerdem werden nun 236 Kinder zwischen drei und sechs Jahren in drei Frühförderungszentren auf die Schule vorbereitet.” (aus dem Länderbericht 2020 zu Tansania)
  • World Vision bringt den Familien in der Region bei, wie wichtig sauberes Wasser ist, um Krankheiten zu vermeiden. Hierfür werden auch Brunnen von der Organisation gebaut. 2019: “2 Grubenlatrinen, 1 Wassertank und 3 Bohrlöcher verbessern die Hygiene für 5030 Kinder und 8800 Erwachsene.”
  • Die Familien aus der Region werden aufgeklärt über Kinderrechte, gesunde Ernährung etc.
  • World-Vision-Mitarbeiter zeigen den Familien, wie sie ihr eigenes Essen anbauen können. Es werden Beete und Fischbrunnen angelegt, damit sich die Gemeinde langfristig selbst versorgen kann. Es wurden auch Gewächshäuser angelegt, damit die Familien unabhängig von der monatelangen Trocken- und Regenzeit vernünftig ihr Essen anbauen können (man sieht ja in Deutschland, welche negativen Auswirkungen lange Regen- und Trockenperioden auf die jährliche Ernte haben). Hierfür wurden auch Bewässerungssysteme installiert. / Länderbericht 2020: “Dank Ihrer Unterstützung als Patinnen und Paten ist die Zahl der Familien, die über das Jahr verteilt genügend zu essen haben, um 10% auf insgesamt 67% gestiegen. Ein Grund dafür ist, dass wir sie darin geschult haben, ihre Einnahmequelle zu erweitern. So haben viele Kleinbäuerinnen und -bauern früher nur eine Gemüsesorte wie Zwiebeln angepflanzt. World Vision hat 2000 von ihnen darin geschult, wie sie durch den Anbau verschiedener Gemüsearten und durch moderne Anbautechniken mehr Waren verkaufen und ihren Kindern durch eigene Erzeugnisse eine ausgewogenere Ernährung bieten können. Durch den Anbau eines Gewächshauses sowie zweier Fischteiche und der Gründung von vier Kleinbetrieben zur Hühnerhaltung haben viele Familien nun weitere Einnahmequellen.”
  • Es werden jährliche Dorffeste organisiert, die von den Weihnachtsspenden finanziert werden.
  • Die Kinder bekommen Handtücher, Stifte, Malbücher, Bälle etc.

Um deine Frage kurz und knapp zu beantworten: Ja, wir sind auf jeden Fall der Meinung, dass das Geld nachhaltig und zukunftsorientiert angelegt wird.

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Marlene: Wurde in dem Jahresbericht detailliert aufgezeigt, wofür euer Geld verwendet wurde?

M&MFootprints: In den Jahresberichten stehen sowohl allgemeine Angaben zu den Fortschritten in der Projektregion als auch individuelle Informationen zu unserem Patenkind (aktuelle Jahrgangsstufe in der Schule, Gesundheitszustand, neue Entwicklungen wie beispielsweise Nachhilfe in bestimmten Fächern). Der Jahresbericht ist eher allgemeiner gehalten.

Was mit der Weihnachtsspende passiert, erfährt man nur allgemein, hierzu gibt es einen Bericht über verschiedene Länder.

Nur bei der Geburtstagsspende wissen wir, was konkret mit dem Geld passiert. Hierzu bekommen wir immer einen Brief, wo alle angeschafften Artikel und die Kosten aufgeführt werden. Der letzte Brief kam erst vorgestern bei uns an.

Hier mal ein kleiner Überblick aus den Briefen:

Mai 2019: Schuhe für die Schule, ein T-Shirt für die Schule, Schulranzen, Kleidung, Übungsbücher, Socken, Seife, 1000 Ziegelsteine (vermutlich für das Haus der Familie), Krankenversicherung, Schokolade (die Schüler in Tansania tragen eine Schuluniform)

Mai 2021: Schulranzen, Schuluniform, ein Bett, Süßigkeiten

Als Beweis bekommen wir immer Fotos, auf denen unser Patenkind mit den Anschaffungen drauf zu sehen ist.

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Marlene: Was erwartet ihr von dem Besuch?

M&MFootprints: Wir verreisen grundsätzlich sehr viel und besuchen auf unseren Trips immer auch Schulen, Kinderheime oder einzelne Familien. Ein Krankenhaus und ein Kindergarten waren auch schon dabei(mehr dazu hier). D.h. wir finden menschliche Begegnungen immer sehr wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern und um nicht “abzuheben” oder uns als etwas Besseres zu fühlen.

Das erwarten wir: Wir wollen unser Patenkind irgendwann besuchen, um das Mädchen kennenzulernen, mit dem wir schon seit ein paar Jahren in Kontakt stehen und das wir finanziell unterstützen. Wir wollen aber auch “überprüfen”, ob unsere Spenden wirklich bei ihr, ihrer Familie und der Gemeinschaft ankommen.

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Marlene: Plant ihr noch weitere Patenschaften zu übernehmen? Oder würdet ihr nach dieser Patenschaft eine weitere eingehen?

M&MFootprints: Wenn das Projekt in Ulaya 2029 ausläuft, wird uns World Vision automatisch ein neues Patenkind in einer anderen Region zuteilen. Es gibt Paten mit 20 oder mehr Patenkindern, die aber keinen Kontakt mit ihnen haben wollen. Wir unterstützen lieber ein Patenkind und stehen mit ihm in Kontakt. Das finden wir persönlicher. Im letzten Jahr (2020) haben wir laut Spendenbescheinigung 560 € an World Vision für unser Patenkind überwiesen. Gemessen an unserem Einkommen ist das in Ordnung. Weitere Patenschaften möchten wir daher nicht eingehen, da wir auch unser eigenes Leben in einer der teuersten Regionen Deutschlands (Großraum München/Alpenvorland) finanzieren müssen und auch irgendwann eigene Kinder haben möchten. Wenn wir aber mal im Lotto gewinnen sollten, wollen wir unbedingt Schulen für Afrika bauen (lassen) und hierfür mit geeigneten Organisationen kooperieren.

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Marlene: Seht ihr Vorteile und Nachteile?

M&MFootprints: Der Vorteil ist, dass wir, die finanziell gut gestellt sind, finanziell schwächeren Menschen helfen können. Und das betrifft nicht nur ein Einzelschicksal (unser Patenkind), sondern auch seine Familie und die gesamte Gemeinde, in dem es lebt. Die Nähe Afrikas zum Äquator sorgt für monatelange Trockenheit, sodass dort nur unter sehr schwierigen Bedingungen Lebensmittel angebaut werden können. Dadurch sind die afrikanischen Länder auch wirtschaftlich sehr geschwächt. Die Klimaungerechtigkeit in der Welt, für die niemand etwas kann, führt daher auch zur wirtschaftlichen und finanziellen Ungerechtigkeit. Deshalb finden wir, dass man als Bessergestellter aus einem reichen Industrieland auch etwas von seinem “Kuchen” abgeben sollte, damit das Leben grundsätzlich gerechter wird.  Der “Nachteil” ist, dass wir jährlich zwischen 500 und 600€ weniger auf dem eigenen Konto haben. Gemessen an unserem Einkommen tut uns das aber nicht weh. Echte Nachteile sehen wir nicht.  Wir geben etwas von unserem Kuchen ab, ohne dafür etwas zu verlangen – außer den Beweis, dass das Geld auch beim Patenkind ankommt.

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Marlene: Habt ihr euch im Vorhinein mit der Kritik auseinandergesetzt, die allgemein an Patenschaften ausgeübt wird?

M&MFootprints:  Kritik resultiert oftmals aus Unwissenheit oder Vorurteilen. Kritikpunkte aus der eigenen Familie waren:

  1. Kritik: Das Geld kommt sowieso nicht dort an, wo es ankommen sollte. – Doch! Wir bekommen regelmäßig Beweise dafür, dass unsere Spenden tatsächlich ankommen, beispielsweise in Form von Fotos oder Jahresberichten.
  2. Kritik: Wenn man ein Kind unterstützt, dann erzeugt man nur Neid und Missgunst bei den anderen Kindern und Familien, die keinen Paten haben. – Das stimmt absolut nicht. Das Geld aller Paten, die beispielsweise Patenkinder in der Region Ulaya haben, fließt in einen großen Topf und davon werden viele nützliche Dinge für die Gemeinschaft angeschafft (siehe oben). Es profitieren das Kind, dessen Familie und die gesamte Region. Im Grunde genommen spielt es keine Rolle, wenn ein Pate A pro Monat 30 € spendet und der andere Pate B 100 €. Das dazugehörige Patenkind B ist dadurch nicht bessergestellt, weil – wie gesagt – alle Spenden in einen großen Topf für die Region fließen. Wenn ich zu Weihnachten zusätzlich 100 € an mein Patenkind spende, fließt davon auch Geld in ein Dorffest und in die Gemeinschaft. Alle Kinder bekommen natürlich noch ein kleines Geschenk. Jedes Präsent wird jedoch den gleichen Wert haben, ganz egal, ob der Pate A 100 € oder der Pate B 50 € zusätzlich zu Weihnachten gespendet hat. Und mit Sicherheit werden auch die wenigen Kinder aus der Region, die bisher noch keinen Paten gefunden haben, auch ein kleines Weihnachtsgeschenk erhalten. World Vision achtet sehr genau darauf, dass unter den Menschen in der Region nicht erst Neid und Missgunst aufkommen.

Marlene: Eure Antworten haben mir sehr geholfen. Danke :-).

Mai 2021

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