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Warum verwenden wir für diesen Beitrag ein Foto von uns statt eins von den Einheimischen? Wir haben tatsächlich Fotos mit den Locals gemacht, dürfen diese aber auf deren Wunsch hin nur privat nutzen. Wir zeigen die Bilder hier, jedoch nur mit unkenntlich gemachten Gesichtern. Ein solches Foto wollten wir dann aber nicht als Beitragsbild hernehmen.

Einheimische und Arbeitsmigranten

In den Vereinigten Arabischen Emiraten leben 9,2 Millionen Menschen, darunter nur 1,1 Millionen echte Staatsbürger der VAE und 8,1 Millionen ausländische Arbeitsmigranten. Zweitgenannte kommen überwiegend aus Pakistan, Indien, Bangladesch, Nepal, Äthiopien, dem Iran oder von den Philippinen. Die meisten Taxifahrer, die wir kennenlernen durften, stammen ursprünglich aus Nepal und Pakistan, fast alle sind schon zehn bis zwölf Jahre in den VAE.

Unser Guide Munaf ist selbst ein Inder aus dem schönen Goa, der seit elf Jahren in den Emiraten lebt. Er erzählte uns von der extrem niedrigen Kriminalitätsrate im ganzen Land, die mit dem Reichtum der Emirate zu begründen ist. Denn dort, wo es den Menschen finanziell gut geht, wo die Menschen ausreichend Nahrung und ein Dach über dem Kopf haben, gibt es keinen Grund kriminell zu werden. Sämtliche Parks und Plätze wurden rund um die Uhr durch Sicherheitspersonal  und Kameras überwacht. Ein Taxifahrer meinte zu uns, dass man auf jeden Fall einen Täter nach spätestens 24 Stunden finden würde, weil alles so gut überwacht sei. In puncto Sicherheit kann sich Deutschland eine Scheibe von den Emiraten abschneiden.

Die 1,1 Millionen echten Staatsbürger der VAE bekommen von der Regierung kostenlose Häuser, Krankenversicherungen, regierungsnahe Jobs mit einem hohen Einkommen und kostenlose Bildung für die Kinder. Außerdem bezahlt der Staat ihre extravaganten Hochzeiten, vorausgesetzt beide Ehepartner sind echte Staatsangehörige der VAE. Durch das entdeckte und exportierte Öl sind die VAE so reich, dass die regierenden Scheichs und Präsidenten ihren echten Staatsangehörigen alles bezahlen können. Und genau deshalb sei jeder einzelne(!!!) Staatsbürger der VAE reich. Jeder einzelne! Gleichzeitig führe dieses ganze Geld laut unserem Guide Nabil aber auch zu einer größeren Unzufriedenheit, denn viele der Reichsten müssten gar nicht mehr arbeiten und könnten das Geld nicht mehr schätzen, weil sie es sich nicht selbst erarbeitet haben. Bevor das Öl entdeckt wurde, waren die Araber wesentlich ärmer gewesen, aber auch nach Aussagen von Nabil glücklicher. Das glauben wir sofort. Lebensfreude (Happiness) führe zu Reichtum und Erfolg, aber Reichtum führe nicht automatisch zu Lebensfreude, meinte Nabil.

Neben den echten, reichen Staatsbürgern der VAE gibt es noch die vielen Millionen an Arbeitsmigranten aus den bereits aufgezählten Ländern, die sich in den Emiraten ein besseres Leben erhoffen. Sie arbeiten in Hotels, als Taxifahrer, Verkäufer, Bauarbeiter, Reiseleiter etc. und hausen mit vielen anderen Arbeitsmigranten in einer Wohnung. Auf unserer Reise kamen wir immer wieder mit ihnen in Kontakt und hörten uns ihre Geschichten an. Meist seien sie bereits zehn bis zwölf Jahre im Land, weil sie in ihrer jeweiligen Heimat keine Arbeit gefunden hatten oder diese schlechter bezahlt gewesen wäre. „Hausen“ schreiben wir deshalb, weil sich oftmals vier bis acht Arbeitsmigranten ein Zimmer teilen. Der eine Nepalese erzählte uns von vier Doppelstockbetten für acht Menschen in einem engen Raum. Jede Taxifahrt mit den unterschiedlichen Fahrern lief ungefähr gleich ab: Sie wollten von uns wissen, woher wir kommen und ob wir Dubai oder Abu Dhabi mögen. Dann fragten wir sie nach ihrer Herkunft und ihren Lebensbedingungen. Jeder einzelne von ihnen teilte sich ein Zimmer mit vielen anderen Arbeitern, weil die Preise für Mieten oder für Bildung so hoch seien. Viele von ihnen hätten eine Frau und Kinder im Heimatland, die sie nur einmal im Jahr sähen. Für sie sei das Leben schwierig und teuer, weil sie als Ausländer hohe Gebühren für die Schule und den Schulbus, für die Mieten etc. zahlen müssten. Viele von ihnen mögen Dubai nur deshalb, weil sie dort Geld verdienen könnten. Ein indischer Kellner lobte außerdem die hohe Sicherheit in den gesamten VAE, die ihm in seiner Heimat fehle. Ein Nepalese äußerte, dass es inzwischen zu viele Taxifahrer in den Emiraten gäbe, das gesamte Taxigewerbe am Boden sei und er deshalb zurück in seine Heimat gehen wolle. Munaf, der Inder aus Goa, habe vor zwei Jahren eine Frau in seiner Heimat geheiratet, die er nun schnellstmöglich auch in die Emirate holen möchte.

Wie man sieht, haben wir es in den VAE mit 10% reichen Einheimischen zu tun, die nicht wissen, was sie als Nächstes von ihrem Geld kaufen sollen. Und dann gibt es da noch die 90% Arbeitsmigranten, die Dubai und Abu Dhabi als ihr Arbeitsparadies ansehen, die sich aber gerade so über Wasser halten können und sich eine Unterkunft mit vielen anderen Arbeitern teilen müssen. Sicherlich sind bei den 90% Ausländern auch viele reiche Geschäftsmänner dabei, die ihren “Emirates Dream” (statt American Dream) verwirklichen. Ohne die 90% Arbeitsmigranten wären die Vereinigten Arabischen Emirate nicht dort, wo sie heute stehen. Wenn man das Geld gerechter im Land verteilen würde, wären sicherlich alle ein wenig glücklicher.

Das Verhältnis von Männern und Frauen und die Wichtigkeit der Religon

In den Köpfen der westlich zivilisierten Menschen ist immer noch das Bild von verschleierten Frauen, die nicht arbeiten dürfen. Doch! – Wir haben viele Frauen arbeiten sehen, auch verschleierte.

Auch die arabischen Männer haben mich als Frau nicht ignoriert, sondern sich ganz normal mit mir unterhalten. Alle, mit denen wir auf unserer Reise zu tun hatten, waren sehr nett und höflich zu uns – abgesehen von den blöden Busfahrern, die uns stehenlassen haben, obwohl der Ticketschalter defekt war und wir dadurch keine Fahrkarten kaufen konnten.

Wir haben tatsächlich auch einmal ein verschleiertes Pärchen turteln (sich anfassen) sehen, allerdings blieb das die Seltenheit.

Wenn die einheimischen Männer nicht mit ihren eigenen Frauen unterwegs waren, dann waren nur die Frauen oder nur die Männer unter sich in Gruppen außer Haus.

Wir selbst sind oft Händchen haltend herumgelaufen, was aber nicht weiter schlimm war. In der Sheikh Zayed Moschee in Abu Dhabi wollten wir uns zusammen fotografieren und steckten unsere Köpfe aneinander, so wie wir es immer machen. Da meinte ein Sicherheitsmitarbeiter „Not too close!!“ zu uns, musste dabei aber selbst lachen.

Mehr Informationen zur traditionellen Kleidung der Araber und ihrer Religion gibt es hier.

Verbote, Verbote, Verbote

Bereits an unserem ersten Tag in Abu Dhabi wollten wir uns den Emirates Palace von innen anschauen, wurden aber aufgrund von Ms kurzer Hose davon abgehalten. Immer wieder sahen wir überall Schilder mit Hinweisen darauf, man solle sich angemessen kleiden.

Dann wollten wir im Supermarkt einkaufen gehen, wurden aber wegen des Rucksacks daran gehindert. Beim zweiten Versuch, in den Laden zu kommen, hielt man uns auf, weil ich meine Kamera bei mir hatte, die beim ersten Mal aber nicht beanstandet worden war. Erst beim dritten Anlauf kamen wir dann endlich in den Supermarkt. Im Laden sahen wir dann allerdings viele Frauen mit ihren Handtaschen, denen der Zutritt damit nicht verwehrt worden war wie uns zuvor.

In der Sheikh Zayed Moschee musste man sich als Frau verschleiern, Fotos mit meinen offenen Haaren sind da nur verbotenerweise entstanden. Die Krönung war natürlich der Hinweis, wir sollten uns nicht zu nahe kommen, als wir uns fotografieren wollten.

Wir müssen dazu sagen, dass die hinweisenden Personen uns gegenüber immer freundlich und ihr Tonfall angemessen waren, auch wenn wir die Verbote nicht nachvollziehen konnten. Außerdem hatte ich immer wieder den Eindruck, dass man bei Einheimischen drei Augen mehr zudrückte und diese sich mehr erlauben durften als wir.

Über Protz, Prunk und Minderwertigkeitsgefühle

London hat einen Big Ben. Der ist schön, den will man auch haben. Also baut man einen eigenen Big Ben in Dubai, der höher ist als das Londoner Original.
Auf dem Brandenburger Tor befindet sich eine Quadriga, also ein Gespann mit vier Pferden. Das findet man schön. Also übernimmt man es und macht gleich fünf Pferde daraus.
Man will in den VAE immer schneller und besser als der Rest der Welt sein. Man hat das höchste Hotel der Welt, die höchsten Wasserspiele, die teuerste Pizza, den teuersten Cocktail, die schnellste Achterbahn, den höchsten Turm, das größte Shoppingcenter etc. Die haben dort so viel Angst davor, dass ein anderes Land auf der Welt den Burj Khalifa als höchstes Gebäude der Welt ablösen könnte. Also bauen sie selbst einen neuen Turm, um ihren alten Weltrekord selbst zu brechen. Überall konnte man nämlich schon den geplanten Dubai Greek Tower (auch The Tower genannt) sehen, der bis zur Expo 2020 fertiggestellt werden soll.
Immer wieder wurden wir explizit auf die ganzen Superlative und Weltrekorde der VAE hingewiesen. Immer wieder teilte man uns die Baukosten mit: X hätte 400 Millionen US Dollar gekostet, ein guter Falke koste 150.000 US Dollar etc. Man hat Geld und das soll die ganze Welt wissen. Wenn man am Abend aus der Dubai Mall kommt, dann sieht man all die teuren Autos, die wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht dastehen: Ferrari, Lamborghini, Aston Martin, Bugatti etc.

Doch woher kommen all die Geltungssucht, woher der Materialismus, woher die Minderwertigkeitsgefühle? Das passiert, wenn man mit seinem vielen Geld  und seiner Langeweile nichts mehr anzufangen weiß. Mit dem Öl kam das Geld. Mit dem Geld kam der Protz, mit dem Protz kam die innere Unzufriedenheit. Vielleicht wäre man dort zufriedener, wenn man mit dem überschüssigen Geld einfach Brunnen für Afrika baut und all den Menschen dort ein gesundes Leben schenkt. Leider kann man sich Charme, ein Herz bzw. eine Seele und Authentizität, eine Geschichte und Kultur nicht kaufen. Und genau deshalb wirken Städte wie Dubai und Abu Dhabi so seelenlos.

Trinkgeld in Abu Dhabi und Dubai

Sowohl in Dubai als auch in Abu Dhabi nahmen wir an verschiedenen Führungen teil. Zu unserer Freude wurde nirgends Trinkgeld verlangt und nirgends welches gegeben, weder von uns  noch von anderen Touristen. Die Preise für die Touren waren ohnehin sehr teuer.

Unser Fazit über die Menschen in den VAE

Die Menschen, mit denen wir in den VAE zu tun hatten, waren alle sehr nett, freundlich und hilfsbereit – sowohl die Einheimischen als auch die ausländischen Arbeitsmigranten. Nur über zwei Busfahrer mussten wir uns ärgern, die uns abends um 22:00 Uhr im Dunkeln nicht mit dem Bus befördern wollten, weil wir kein Ticket hatten und es ihnen egal war, dass der Ticketschalter defekt war. Ein Ticket direkt bei ihnen zu kaufen, lehnten sie ebenfalls ab.

Besonders positiv sind uns im Allgemeinen die Nepalesen und Inder, aber auch die echten VAE-Staatsbürger in Erinnerung geblieben, mit denen wir Kontakt hatten. Auch muss ich an einen kleinen, süßen, einheimischen Jungen zurückdenken, der mit seinen braunen Knopfaugen und seinem weißen Gewand so putzig aussah, dass ich unbedingt ein Foto mit ihm haben wollte. Als ich Erik ein Foto von M und mir in der traditionellen Kleidung schickte, bezeichnete er uns als Terroristen. Nein, Araber sind keine Terroristen, nur weil sie eine andere Kleidung tragen. Wir sollten die Angst vor dem Fremden ablegen, denn auch hinter einer Abaya und einem Niqab stecken echte, normale, sehr nette Menschen. Wir sind dankbar dafür, dass wir jetzt einen anderen, einen toleranteren Blick auf die verschleierten Araber haben als zuvor. Außerdem haben wir gelernt, dass nicht jeder im weißen Gewand ein Scheich ist, wie wir immer zu wissen glaubten. Dieser Umhang ist die traditionelle Kleidung für alle Staatsbürger der VAE, nicht nur für die reichen Scheichs. Gelernt haben wir aber auch – und das wurde uns nun bestätigt, – dass alle Bürger der Emirate reich sind.